2. Kapitel – Welcher Wind hat dich denn hierhergebracht?

Das ist eine Frage, die jede Person, die im Ausland lebt, schon einmal beantwortet hat. Über sie gibt es Neugierde, fehlt Distanz, über sie gibt es Aufdringlichkeit, fehlt es an Sensibilität. Und gemäß einem unverschämten Voyeurismus leitet die Interviewerin praktisch deren ganzes Leben ab, obwohl sie kaum mehr als ihren Namen kennt.

Wenn mich jemand fragt, warum ich hierhergekommen bin, kommt mir immer ein Lied von Alceu Valença in den Sinn: „Es war die Schere des Begehrens, ich wünsche mir einfach mich zu verändern! Aber da Schere nicht gut als Übersetzung passt, erzähle ich, dass er der fliegende Besen des Verlangens war…

Ich sammle Antworten, die schon gegeben wurden, die schon als Postkarten ins Café kamen. Wie

  • die Sozioökonomie: Ich kam, um auf die Großeltern des Norden aufzupassen, um so die Kinder des Südens ernähren zu können.

  • Die Psychoanalyse: erklärt nur Freud;

  • Die Energetik: Ich wollte das Getränk das Flügel verleiht, im Land seines Erfinders trinken;

  • Die Kulinarik: Mir wird schlecht vom Meersalz und wollte das aus den Bergen probieren;

  • Das Sportliche: Ich hatte genug von der Sonne und wollte im Schnee surfen;

  • Die klassische Musik: Ich litt an Schlaflosigkeit und wollte die kleine Nachtmusik in dessen Land hören;

  • Um den Atem zu verlieren: Ich kam, um einfach auf einer Bank zu sitzen die vor dem Grünen See in der Steiermark liegt;

  • Die imperiale Variante: Wenn schon die erste Kaiserin Brasiliens Österreicherin war, kam ich in ihr Land, um Geschichte zu machen; und die legendäre Antwort ist jene mit den Mozartkugeln. Eine Nebengeschichte erzähle ich gleich.

Diese Fragen über das Warum des Herkommens zu sein und das Wann des Zurückkehrens, das abhängig ist von wem, wann, wie und wo sie gestellt werden, können ein effektives Gift sein für das Zerstören von Selbstvertrauen. Es gibt so viel davon, dass es gratis angeboten wird, quasi wie eine Spezialität des Hauses. Ich habe schon so viel zu mir genommen, dass ich sogar bereits Gegengift produziere.

Einmal, in einem Kurs über Weine und regionale Beilagen, in einer der Pausen zum Probieren des gelernten Inhaltes, entdeckte ich jemanden, der einen anderen zum Anstoßen sucht ergab sich folgendes:

  – Hey du, woher kommst du?

  –  Von zu Hause.

Und ich denke mir: Sieht er nicht, dass ich so schön angezogen bin, gut parfümiert bin und ich so aussehe, wie eine Küche, die in Ordnung ist nach dem großen Reinemachen? Oder ist es so, dass das Deodorant schon aus ist, und der Alkohol meinen Geruchssinn beeinträchtigt? Angesichts dieser unpassenden Frage hatte er nicht genug Wein, um den bitteren Beigeschmack wegzuwischen.

  – Woher bist du?

  – Von hier, aus Linz!

  –  Von hier? Das kann nicht sein! In welchem Land bist du geboren?

Und ich verstand, dass obwohl ich hier wohnte und mit anderen Personen aus der Region zusammen war, ich es nicht wert war, zur Rubrik „ich bin von hier“ zu zählen. Ich konnte nicht als eine von hier gesehen werden, nicht einmal für jemanden, der nicht von dort war.

  – Der Ort, aus dem ich her bin, heißt Casa do Coral.

  – Von dem habe ich noch nie gehört, wo ist das?

  – Rate mal! Schieß los!

  – In Indien?

  – Koloniemäßig gedacht, macht das Sinn, ich gebe dir noch eine Chance!

  – Was weiß ich, ich schaffe es nicht, deinen Akzent zuzuordnen!

  – Schalte den „Lokalisator“ aus, vielleicht funktioniert es ja besser in der Interaktion.

  –  Na gut, dann rede. Du kommst also woher?

  –  Aus Picãozinho

  –  Pica – was?

  –  Bleiben wir einfach bei Casa do Coral, denn der Alkohol zeigt schon seinen Effekt!

  – In welchem Land ist das?

  –  Das willst du nicht einmal wissen. Es sind so viele Riffs und Recifes!

  –  Ah! Von dem Namen habe ich schon einmal gehört!

  –  Na gut, also ich komme von dort ungefähr her. Tim Tim, Prost!

Dieses Kapitel auf Portugiesisch zu lesen, hierher bitte schön!

#FlordeLinz

Bild: Jakob Owens

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